Nacktyoga - Aktuelles, Neues, Interessantes & Wissenswertes von und mit Elke.

Nr. 2017_019

Experimental Yoga ....

Die Geschichte vom Schafslöwen ...

Im Osten gibt es eine alte Parabel über eine Löwin, die von einem Hügel zum nächsten springt und genau in der Mitte einen kleinen Löwen zur Welt bringt. Der kleine Löwe fällt auf einen Weg, auf dem gerade ein Herde Schafe vorbei zieht. Natürlich mischt er sich unter die Schafe, er lebt mit ihnen und verhält sich wie ein Schaf. Er weiß nicht, dass er ein Löwe ist, nicht einmal in seinen Träumen. Wie könnte er? Um ihn herum gibt es nur Schafe und noch mehr Schafe. Er hat nie wie ein Löwe gebrüllt, denn ein Schaf brüllt nicht. Er ist nie allein gewesen wie ein Löwe, ein Schaf ist niemals allein. Ein Schaf ist immer in seiner Herde, in der Herde ist es gemütlich und sicher. Schau dir einmal an, wie Schafe laufen, sie laufen so dicht gedrängt, dass sie fast übereinander stolpern. Sie sind so ängstlich, allein zu sein.

Aber der kleine Löwe wurde älter. Es war schon merkwürdig, er war damit identifiziert, ein Schaf zu sein, aber die Biologie kümmert sich nicht um deine Identifikation, die Natur folgt nicht deinen Vorstellungen.

Er wuchs zu einem schönen jungen Löwen heran, und weil Wachstum so langsam vonstatten geht, gewöhnten sich die Schafe an den Löwen und der Löwe gewöhnte sich an die Schafe. Natürlich dachten die Schafe, dass er etwas verrückt ist. Er kann sich nicht benehmen – eben ein bisschen verrückt – und er wächst und wächst. Das sollte nicht so sein. Und dann gibt er vor, ein Löwe zu sein... aber er ist doch gar kein Löwe! Sie kennen ihn seit seiner Geburt, sie haben ihn aufgezogen, sie haben ihm ihre Milch gegeben. Kein Löwe ist Vegetarier, aber dieser Löwe war Vegetarier, weil die Schafe Vegetarier sind. Er fraß mit großem Vergnügen Gras.

Sie akzeptierten diesen kleinen Unterschied, dass er ein bisschen groß ist und wie ein Löwe aussieht. Ein sehr weises Schaf sagte: “Das ist nur eine Laune der Natur, ab und zu passiert das schon mal.“ Und er akzeptierte auch selbst, dass das so ist. Er hatte eine andere Farbe, er hatte einen anderen Körper, er musste ein Freak sein, unnormal. Aber der Gedanke, dass er ein Löwe wäre, war für ihn unmöglich. Er war von all diesen Schafen umgeben und der Schafspsychoanalytiker konnte es ihm erklären: „Du bist einfach eine Laune der Natur. Mach dir keine Sorgen, wir kümmern uns um dich.“

Aber eines Tages kam ein alter Löwe vorbei und sah diesen jungen Löwen aus der Schafsherde herausragen. Er traute seinen Augen nicht! So etwas hatte er noch nie gesehen, er hatte in der ganzen Geschichte noch nie davon gehört, dass sich ein Löwe mitten in einer Schafsherde bewegt und kein Schaf Angst vor ihm hat. Und der kleine Löwe bewegte sich genau wie die Schafe und starrte ins Gras.

Der alte Löwe traute seinen Augen nicht. Er vergaß, dass er ein Schaf für sein Frühstück reißen wollte, er vergaß sein ganzes Frühstück. Es war so ungewöhnlich, dass er versuchte, den jungen Löwen einzufangen, aber er war alt und der andere war jung – er lief ihm davon. Obwohl er glaubte, ein Schaf zu sein, war seine Identifikation vergessen, sobald Gefahr drohte. Er rannte wie ein Löwe, und der Alte hatte Mühe, ihn zu fangen. Aber schließlich gelang es ihm und der Junge schrie und weinte und sagte: „Vergib mir, ich bin nur ein armes Schaf.“ „Du Idiot,“ antwortete der alte Löwe, „halt an und komm mit mir zum Teich.“

In der Nähe gab es einen Teich und er nahm den jungen Löwen mit dorthin. Der Junge kam nur widerwillig mit, er ging nur sehr zögernd, aber was kannst du schon gegen einen Löwen ausrichten, wenn du ein Schaf bist? Wenn du ihm nicht folgst, kann er dich töten, also ging er mit. Der Teich war still, ohne die kleinste Welle, fast wie ein Spiegel. Und der alte Löwe sagte zu dem jungen: „Schau hinein. Schau mein Gesicht an und schau dein Gesicht an. Schau meinen Körper an und schau deinen Körper im Wasser an.“

Im Bruchteil einer Sekunde hörte man ein lautes Gebrüll! Es hallte von allen Hügeln wider. Die Schafe verschwanden und er war wie verwandelt – er erkannte sich selbst. Seine Identifikation mit den Schafen war nicht seine Wahrheit, sie war nur eine Vorstellung. Jetzt hatte er die Wahrheit gesehen. Und der alte Löwe sagte: „Ich brauche nichts mehr zu sagen, du hast verstanden.“

Der junge Löwe spürte eine seltsame Energie in sich aufsteigen, die hatte er bisher nie gespürt...so, als hätte er geschlafen. Er spürte eine ungeheure Kraft, dabei war er immer ein schwaches, bescheidenes Schaf gewesen. Seine ganze Bescheidenheit, seine ganze Schwäche löste sich einfach auf.